Über unsere Viertel, antikapitalistische Stadtkämpfe und linke Geschichte - Solidaritätstext für die Rote Flora

Wir rufen dazu auf, am 21. Dezember nach Hamburg zu fahren und für die Rote Flora auf die Straße zu gehen. Die Demonstration wird nicht nur die Räumung der Roten Flora verhindern helfen, sondern ausserdem gegen die rassistischen und kapitalistischen Zustände mobil machen.

Die Besetzung der Flora war bereits in ihren Anfängen ein Kampf gegen die Zurichtung der Stadt nach kulturindustriellen Verwertungsinteressen. Teilabriss und Bau des geplanten Musicaltheaters hatten schon begonnen, die Polizei einen 24/7 Wachschutz abgestellt, als durch entschlossenen Einsatz und die Verknüpfung verschiedener Aktionsmittel der Bau gestoppt und ein Einknicken der Stadt erzwungen werden konnte. Die Flora wurde rot.

Die Rote Flora eignete sich das Haus als politisches Symbol und praktische Basis gegen Aufwertungsdruck an und wurde zu einem Ausgangspunkt von Kämpfen und Politisierungen, die den regionalen Horizont überstiegen. Doch die Aufwertung der Schanze konnte nicht verhindert werden. Stattdessen fand sich die Flora als Teil desselben Prozesses wieder, den sie von Anfang zu bekämpfen versuchte. Die Flora steht damit selbst einerseits für die Notwendigkeit von Kristallisationspunkten widerständiger Bewegungen. Andererseits führt sie uns die Widersprüchlichkeit derselben vor Augen oder wie es die Flora 1998 selbst fasste:

„Autonomer Kampf gegen Umstrukturierung ist dort, wo er z.B. mit militanten Aktionsformen geführt wird, fraglos eine Möglichkeit, Investoren mit ihren Projekten zu Fall zu bringen. Wenn jedoch soziale und kulturelle Vernetzungen der Szene diesen Raum, den der Umstrukturierungskampf möglicherweise eröffnet hat, »besetzen«, ist das der Beginn einer an diese Strukturen anknüpfenden Veränderung, die ursprünglich verhindert werden sollte. Ein Dilemma, das sich auch für das Schanzenviertel nachzeichnen läßt.“

Wer ist diese Flora?

1998 wurde aus dem Umfeld der Roten Flora ein längeres Papier mit dem Titel „Gleichgewicht des Schreckens“ verfasst, in dem unter anderem eine Neubetrachtung der historischen Entstehung der Roten Flora gefordert und erbracht wurde. Die damalige Situation bezeichnete das Papier ernüchtert als „vorläufigen Endpunkt einer falsch angelegten antikapitalistischen Strategie der autonomen Linken im Kampf gegen staatlich verantwortete Stadtentwicklungspolitik“. Auslöser war unter anderem eine umfassende Selbstreflexion, dass die Flora-Gruppe der Besetzerzeit einer Argumentationslogik folgte, die den guten, alten heimeligen Kiez gegen das Hereinbrechen des bösen Fremden schützen wollte.

„[Das Programm der Besetzer] verdeckte jedoch Konfliktlinien, indem es unterstellte, daß alle (BürgerInnen, Autonome, PunkerInnen) gegen die da oben (PolitikerInnen, Kapitalisten etc.) die gleichen Interessen verfolgten. Im Gegensatz zu vielen alteingesessenen BewohnerInnen konnten sich Szene-WGs allerdings Altbauwohnungsmieten leisten, die über
dem Mietenspiegel lagen und sie haben damit kräftig an der Preisspirale mitgedreht.“

Die eigenen Widersprüchlichkeiten und Unzulänglichkeiten einzugestehen, ist unserer Meinung nach eine Voraussetzung für eine emanzipatorische Bewegung, welche es gleichzeitig schafft, die bestehende Gesellschaft anzugreifen und die eigenen Überzeugungen ständig zu hinterfragen. Die Rote Flora hat den Weg in die gesellschaftlichen Widersprüche gesucht und sich auch ihren eigenen gestellt. Als die Stadt 2001 versuchte den Konflikt zu privatisieren und das Gebäude der Roten Flora an den Investor Kretschmer verkaufte, intervenierte die Rote Flora gegen eine falsche Personalisierung, also den Versuch die städtische Entwicklung vorrangig mit dem bösen Handeln einzelner Spekulant*innen zu erklären. In einem Text über die Stadt, den Standort und Gentrification schrieb die Flora im Juni 2001:

„In den letzten zwei Monaten ist Klausmartin Kretschmer zur Zielscheibe von Kritik aus verschiedenen Richtungen geworden. Uns ist es wichtig klarzumachen, dass es verkürzt wäre, die Kritik allein auf Kretschmer als Person zu richten. Stattdessen muss gesehen werden, dass sich seine privaten ökonomischen Interessen mit den Standortinteressen der Stadt überschneiden und er gerade deshalb von der Stadt protegiert wird.“

Letzte Party der Besetzer?

Die Rote Flora war mal ein „Ufo im Stadtteil“, „Steueroase“ oder „Terrorzentrale“. So schrieb die Bild-Zeitung zum 15. Geburtstag 2004: „Hunderte kamen zur großen Geburtstags-Party. Das Autonome Kulturzentrum, es bebte vor Freude. Vielleicht war es die letzte Party der Besetzer.“ Es war nicht die letzte Party und das störte die deutschen Repressionsbehörden. Im Vorfeld des G8-Gipfels in Heiligendamm war die Rote Flora von der massiven Repressionswelle betroffen, die gegen linke Strukturen in Bewegung gesetzt wurde. Massenweise Überwachungen, Großer Lauschangriff und heimliche Einbrüche in Privatwohnungen, Erhebung von Geruchs- und DNA-Proben, Razzien in deren Zuge Abhörtechnik installiert wurde, §129a-Verfahren, Haft… Repression war damals wie heute der Versuch Wissen über Widerstand zu bekommen und linken Szenen das Gefühl von Ohnmacht und Frustration zu geben und damit
zu schwächen. Dagegen war und ist zu aller erst die Solidarität zu stellen. Als im Januar 2011 in Berlin die Liebig 14 vor der Zwangsräumung stand, schrieb die Flora in einem Soli-Aufruf, dass sich

„zeigt, dass linke Projekte, egal ob sie einen Raum zum Wohnen bieten oder als soziales Zentrum fungieren, welche sich zur Aufgabe gemacht haben, dem gesellschaftlichen Mainstream und einer kapitalistischen Verwertungslogik etwas entgegenzusetzen, immer stärker bedroht sind. Dieses bedeutet für uns aber nicht, dass wir den Kopf in den Sand stecken und Polizei, Politiker und Investoren machen lassen, was sie wollen. Es ist für uns vielmehr ein Grund zu zeigen, dass wir uns mit den derzeitigen Verhältnissen nicht zufrieden geben werden […].“

Die Repression gegen Orte linker Praxis und Subkultur soll auch Zeichen einer widerständigen Vergangenheit austilgen, in der es teilweise gelang Kämpfe gegen den kapitalistischen und staatlichen Zusammenhang zu gewinnen. Die „alten“ Orte und Projekte, wie es die Liebig 14 war und die Rote Flora ist, sind auch Zeugen einer antistaatlichen und
antikapitalistischen Vergangenheit; und die Repression gegen sie ist gleichzeitig ein Angriff auf linke Vergangenheit und Gegenwart.
Auch der Eigentümer der Flora Kretschmer verfolgt aus zwei wichtigen Gründen die Räumung der Flora. Zum einen will er wahrscheinlich den Kaufpreis der Flora hochtreiben und zum anderen möchte er ein linkes Symbol zu Fall bringen. Kretschmer und sein neuer Berater und Geldgeber Baer fahren einen verzweifelten Klassenkampf gegen die Flora. Diese kommentierte die Verlautbarungen der beiden am 16.10. folgendermaßen:

„In der Pressemitteilung kritisieren Baer und Kretschmer darüber hinaus, dass die Hafenstraße in den Achtziger Jahren nicht geräumt wurde und erklären die Rote Flora zu einem gegenteiligen politischen Modellfall. Ziel sei, die Besetzer_innenszene zu demoralisieren und neuen Hausbesetzungen durch die Zerschlagung der Flora in Zukunft keine Perspektive mehr zu bieten bzw. sie zu verhindern. Ihr Angriff richtet sich ideologisch nicht nur gegen die Rote Flora als einzelnes lokales Projekt, sondern sie verstehen ihr Engagement als politisches Statement gegen Hausbesetzungen insgesamt. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung wurden die mehreren hundert Nutzer_innen des Hauses von Baer inzwischen als »kriminelle und terroristische Vereinigung« bezeichnet.“

Das Richtige im Falschen

Bei der Mobilisierung zur Verteidigung der Flora geht es nicht um ein Gebäude, sondern auch um die Verteidigung eines emanzipatorischen, linksradikalen Widerstands. Die Proteste gegen die rassistischen Kontrollen in Hambug, gegen die drohende Räumung des Oranienplatzes in Berlin oder gegen die rassistischen Bürgermobilisierungen zeigen die Relevanz linksradikaler Praxis. Die städtischen Konflikte zeigen sich auch bei den vielfältigen Protesten gegen steigende Mieten und Verdrängung in vielen Städten. Gerade in Zeiten einer Zuspitzung der sozialen Lage in Europa ist die Existenz einer vernetzten, emanzipatorischen Linken von gesteigerter Bedeutung.

Folgerichtig „geht [es] uns im Kampf um die Flora nicht nur um den Erhalt des Hauses, sondern um die Flora als politisches Projekt und politische Idee“ und „Der Kampf um die Rote Flora beschränkt sich nicht auf die Mauern und Steine des Gebäudes, sondern wird in den nächsten Monaten überall in Hamburg seinen Ausdruck finden. Auch und insbesondere auf der Straße“ (Rote Flora, 16.10. / 1.11.).

Um es mit der Liebig 14 zu sagen: „Wir haben schon längst keinen Bock mehr auf diesen Staat und seine Repression, wir haben keinen Bock auf Unterdrückung und Konkurrenz und wir haben keinen Bock auf Kapitalismus […].“

Seit dem 1. November 1989 dauert die Besetzung nun an.

Sorgen wir dafür, dass es im nächsten Herbst einen schönen 25. Geburtstag geben wird.

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