Nachklapp zum 9. Mai

Kleine Infomappe:

Die Pressemitteilung des Bündnis 9. Mai,

Bilder hier und hier,

eine kleine Presseschau taz, neues deutschland, junge welt, heise, berliner zeitung,

ein Hintergrundartikel und unser

Redebeitrag zu Konservatismus, Verschwörungsideologie und Antifeminismus

Die Teilnehmer_innen des „Sturm auf den Reichstag“ bestehen aus einer Mischung aus Verschwörungstheoretiker_innen der Friedensbewegung, besorgten Reichsbürger_innen und der sogenannten „neuen Rechten“. Ihr Ziel ist es, den Sturz der Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie der momentanen Regierung herbeizuführen, die als korrupte Machthabende nicht die „wirklichen Interessen“ des „deutschen Volkes“ vertreten würden. Stattdessen – so die Annahme des Veranstalters Andreas Meier – ließen sie sich von der Amerikanisierung beeinflussen und wie Marionetten beherrschen.

Schaut mensch sich das Mobilisierungsvideo des Sturms auf den Reichstag an, fällt schnell auf, dass die Veranstalter sich in einem quasi-apokalytischen Zustand wähnen, in dem alles Altbekannte, also „deutsche Werte“, der „deutsche Staat“, die „deutsche Gesellschaft“ kurz vor dem Untergang stehen. Dabei wird immer wieder an vermeintliche Ängste der Demo-Teilnehmer_innen appelliert.

Was sind das für verkannte „Ängste“? Wer artikuliert dort seine „Sorgen“?

Der Begriff der Sorgen ist dabei bekannt geworden, in dem er von zahlreichen Politiker_innen zur Legitimation der Teilnahme an den Pegida-Demonstrationen verwendet wurde.

Es sind die Sorgen der weißen deutschen Bürger_innen. Immer wieder werden dabei in der Diskussion um die schlechten deutschen Zustände typisch kleinbürgerliche Ängste verlautbart: Die Angst des fleißigen arbeitenden Bürgers vor dem sozialen Abstieg. Ständig besteht die Gefahr, dass er von „denen unter sich“ überholt wird und dabei seines wohlverdienten Lebensstandards beraubt wird.

Beklagt wird hier ein Zustand der konstanten Unsicherheit des eigenen soziales Status.

Und so freuen sich die ehrlichen Bürger um so mehr über eine Handlungsoption, etwas, dass dem so lange nicht gehörten „kleinen Mann“ endlich eine Stimme gibt. Auch mal wer sein, auch mal gehört werden, auch mal was bewegen: auch mal den Reichstag stürmen.

Ob fundamentalistische Evangelistin, Neo-Nazi oder Rotshild-Verschwörungsanhänger: Sie alle scheinen die Antwort auf ihre Ängste in einer Erzählung vom großen Ganzen zu suchen bzw. in einem vorgegebenen Schicksal (ob aus der Bibel oder der Verschwörung). Ein anderer Zustand – ohne eine über ihnen stehende Autorität, die die Strippen zieht – scheint dabei für keine_n von ihnen denkbar.

Hierbei tauchen sowohl in den Verschwörungstheorien als auch den fundamentalistischen und neu-rechten Ideologien ähnliche Motive auf: Die Angst vor der Modernisierung in Form eines unbeherrschbaren technischen Fortschritts (Beispiel hierfür sind die vermeintliche Gefährlichkeit von Chemtrails) und das Unbehagen mit der gefühlten Ohnmacht des Individuums, (deren Grund nicht im Kapitalismus sondern in der Übermacht einer Personengruppe gesucht wird). Der Umgang mit diesen uns allen bekannten komplizierten und abstrakten Problemen der kapitalistischen Gesellschaft, wird durch die unterschiedlichen Ideologien vereinfacht und konkretisiert. Schuld an alldem ist eine herbeihalluzinierte Übermacht einer Personengruppe. Dies sind zum Beispiel „die Anderen“ (Geflüchteten), die zu einer Überfremdung des deutschen Volkes führen würden, aber auch die Amerikaner_innen, die Deutschland besetzen, „der Jude“ bzw das Jüdische, das mithilfe des Geldes die Welt regiert und schließlich die Feminist_innen bzw. der Genderismus, die die Familie bedrohen.

Der Begriff Genderismus ist eine Wortschöpfung, die genutzt wird um feministische und queere Theorien und Aktivist_innen zu diffamieren.

Dabei ist Dreh- und Angelpunkt bei der Angst vor dem Genderismus die Angst vor der Zerstörung der Kleinfamilie: Sie scheint der letzte sichere Rückzugort anständiger Bürger_innen darzustellen und wird durch die Feminist_innen (zurecht) angegriffen. Auch hier steht aufgrund des „Genderismus“ eine Erschütterung des altbewährten Familienmodells bevor, auch hier soll entsprechend alles beim guten Alten bleiben: bei dem Familienmodell der „deutschen Leitkultur“ mit ihren konservativen Geschlechter-Rollenbildern. Frauen sollen Männer lieben, Männer sollen Frauen lieben. Und dabei unter der Decke im Ehebett penetrativen vaginalen Sex haben. Es geht um Reproduktion und nicht um Lustgewinn. Sexuelle Aufklärung wird abgelehnt. Zum Wohl des Volkes und zum Schutz der Kinder.

Entsprechend wird auch hier der Wunsch deutlich, dass es eine Autorität gibt, die sagt, wo es lang geht. Werte und Normen sollen klar und eng sein, sowohl für die Eltern und erst recht für den Nachwuchs. In der anständigen Kleinfamilie wird dabei schon in der Erziehung darauf geachtet, dass diese konservativen Normen und Werte, mit all ihren engen Grenzen, vermittelt und eintrainiert werden.

Vorreiter in dem Kampf gegen den Genderismus ist dabei die sogenannte Lebensschutzbewegung. Bei den Demoteilnehmer_innen heute und ihren Sympathisant_innen gibt es sowohl inhaltliche als auch personelle Überschneidungen mit den Anhänger_innen der Lebenschutzbewegung.

In zahlreichen Veröffentlichungen der Lebensschützer-Innen wurde und wird dabei erklärt, inwiefern der Genderismus eine Gefahr für die Gesellschaft darstellt.

Gabriele Kuby ist hierfür ein dankbares Beispiel. Sie ist Publizistin, die auch mal gerne in der jungen Freiheit schreibt, aber auch Reden beim jährlichen Marsch für das Leben hält. Auf ihrer Internetseite schreibt sie: „Genderismus. Bisher gibt es so gut wie keinen Widerstand. Die meisten Menschen kennen noch nicht einmal den Begriff „Gender“. Es ist eine lautlose Revolution die von oben nach unten und von innen nach außen arbeitet.„ Was für die Friedensbewegung die Amerikaner_innen sind, sind für Gabriele Kuby die Feminist_innen. Sie ziehen heimlich die Strippen. Sie zerstören Altbewährtes. Sie schaden dem deutschen Volk.

Der Genderismus wird, anders als die vermeintliche Islamisierung oder Amerikanisierung, als eine Bedrohung von innen heraus initiiert. Die Feminist_innen, ein deutsches Produkt der 68er, schwächen das deutsche Volk von innen heraus, indem sie vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Sachen Familie, Sexualität und Geschlechtsidentität hinterfragen.

Deutlich wird in der Angst vor dem Genderismus neben dem klaren Anti-Feminismus auch eine damit verbundene Trans- und Inter*Personenfeindlichkeit. Oft warnen dabei die Gegner des Genderismus vor der Gefahr des Chaos‘, das mit dem Einzug der Gender-Debatte einher gehe.

Kein Wunder, denn die (queer)feministische Bewegung hinterfragt zurecht die Zweigeschlechtlichkeit aller Menschen und setzt an deren Stelle eine Vielzahl von Geschlechtsidentitäten, die veränderbar sind. In einer heterosexuellen Kleinfamilie, in der die Mutter die Kinder umsorgt und der Vater am öffentlichen Leben teilnehmen soll, kann für solche Kritik sicherlich kein Raum sein. In diesem kleinbürgerlichen Traum darf die Frau neben der Haushaltsarbeit auch der Lohnarbeit nach gehen, ihre Haare offen tragen und auf „politische Spaziergänge“ gehen.

Hier wird ein Bild der „freien Frau“ inszeniert, das vermeintlich im Gegensatz zu dem rassistischen Stereotyp der Unterdückten Muslima steht. Es dient den Konservativen und Reaktionären zur Abgrenzung des westlichen aufgeklärten Volkes von der Rückständigkeit des Islams. Diese stereotype Darstellung ist rassistisch.

Der Angst vor dem Genderismus setzten wir unseren Dank für alle bisher geführten feministischen Kämpfe entgegen. Wir knüpfen an eine feministische Tradition an, denn es gilt weiterzumachen und weiterzukämpfen. Wir antworten auf die rassistischen Stereotypen mit einem antirassistischen feministischen Kampf .

Es muss Ziel einer emanzipatorischen Bewegung sein, vermeintliche Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen: wie zum Beispiel konservative Konstrukte wie die bürgerliche Kleinfamilie. Diese gilt es sichtbar zu machen und zu bekämpfen.

Auf das reaktionäre Ideal einer eindimensionalen Frau antworten wir mit einer queerfeministischen Bewegung, die solidarisch mit allen Frauen Lesben Trans und Inter*Personen ist, die diese Frau nicht sind oder nicht sein wollen.

Wir lehnen die Autoritätshörigkeit der Nazis, Verschwörungstheoretiker_innen und Fundamentalist_innen ab;

Für ein Zusammenleben ohne Herrschaft und Autoritäten.

 

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